Ramin Rowghani
Der Chemiker Prof. Dr. Dr. Linus Carl Pauling gehört zu den bedeutendsten Naturwissenschaftlern des 20. Jahrhunderts. Bekannt wurde er vor allem durch seine grundlegenden Arbeiten zu chemischen Bindungen und zur Struktur von Molekülen. Weniger im allgemeinen Bewußtsein, jedoch wissenschaftlich und gesundheitspolitisch höchst bedeutsam, ist seine spätere Beschäftigung mit medizinischen Fragen, insbesondere mit der Wirkung von Vitaminen auf den menschlichen Organismus. Bereits seit den 30er Jahren befaßte sich Pauling mit medizinischen Themen aus der Perspektive eines Chemikers. In den 60er Jahren rückte dann die Frage nach der Heilwirkung von Vitaminen immer stärker in den Mittelpunkt seiner Arbeit. Dabei interessierte ihn nicht nur die Vorbeugung von Mangelerscheinungen, sondern vor allem die biochemische Bedeutung von Vitaminen bei verschiedenen Krankheiten.
Pauling war überzeugt, daß viele sogenannte Zivilisationskrankheiten nicht nur oberflächlich betrachtet werden dürften, sondern in ihren molekularen und biochemischen Zusammenhängen verstanden werden müßten. Sein Ansatz war deshalb grundlegend anders als der der klassischen Schulmedizin, die Vitamine häufig lediglich als Schutz vor Mangelerscheinungen auffaßt. Für Pauling waren Vitamine dagegen aktive Stoffe mit zentraler Bedeutung für zahlreiche Prozesse im Körper. Diese Sichtweise verarbeitete er in mehreren Veröffentlichungen, die bis heute viel Beachtung finden. Sein letztes großes Werk trug in der deutschen Übersetzung den Titel „Linus Paulings Vitaminprogramm – länger und gesünder leben“. Der englische Originaltitel „How to live longer and feel better“ verdeutlicht bereits den Anspruch des Buches: Es geht nicht nur um ein längeres Leben, sondern auch um eine bessere Lebensqualität.
Kontroverse um Ernährung, Vitamine und medizinisches Wissen
Das Thema Ernährung und Vitamine ist bis heute stark umstritten. Kaum ein anderer Bereich der Gesundheit wird in der Öffentlichkeit so widersprüchlich dargestellt. Auf der einen Seite werden bestimmte Lebensmittel, Nährstoffe oder Naturheilmittel als besonders gesund angepriesen, auf der anderen Seite erscheinen kurze Zeit später Berichte, die denselben Stoffen schädliche Wirkungen zuschreiben. Für Laien ist es daher oft schwierig, verläßliche Orientierung zu finden. Diese Unsicherheit wirkt sich auch auf das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten aus.
In der medizinischen Ausbildung wird nach wie vor häufig ein recht reduziertes Verständnis von Vitaminen vermittelt. Vitamine gelten dann in erster Linie als Schutz vor Mangelzuständen; für einen Menschen mit angeblich ausgewogener Mischkost seien sie durch die Nahrung vollständig gedeckt. Eine tiefere Auseinandersetzung mit der Frage, wie sich Nährstoffe tatsächlich zusammensetzen, welche Mengen sinnvoll sind und wie Ernährung individuell wirkt, findet oft nicht statt. In der Folge geben viele Ärzte dieses vereinfachte Wissen an ihre Patienten weiter, ohne es selbst kritisch zu prüfen. Gerade hier zeigt sich ein grundlegendes Problem: Medizinisches Wissen wird häufig als abgeschlossen und unantastbar behandelt, obwohl es in Wirklichkeit von Forschung, Erfahrung und ständiger Überprüfung lebt.
Orthomolekulare Medizin als Gegenentwurf
Linus Pauling entwickelte mit der orthomolekularen Heilkunde einen Gegenentwurf zu einem rein symptombezogenen medizinischen Denken. Der Begriff „orthomolekular“ verweist auf einen Zustand günstiger, „richtiger“ Molekülanordnung im Körper. Gemeint ist damit die Vorstellung, daß Gesundheit dann entsteht, wenn dem Organismus die Stoffe in ausreichender und ausgewogener Form zur Verfügung stehen, die er für seine biochemischen Abläufe benötigt. Dazu zählen Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, Enzyme, Ballaststoffe und weitere natürliche Substanzen.
Pauling ging davon aus, daß viele Krankheiten mit Störungen dieses Gleichgewichts zusammenhängen. Deshalb müsse man nicht nur Symptome behandeln, sondern die zugrundeliegenden biochemischen Defizite berücksichtigen. Diese Sichtweise war für die damalige Zeit ungewöhnlich und wurde von Teilen der Fachwelt skeptisch aufgenommen. Gleichzeitig gewann sie in der naturheilkundlichen und ernährungsmedizinischen Diskussion immer mehr Bedeutung. Besonders eindrucksvoll ist dabei, daß Pauling seine Überzeugungen nicht nur theoretisch vertrat, sondern durch eigene Selbstversuche und durch die Auswertung zahlreicher Studien zu untermauern suchte.
Vitamin C, psychische Erkrankungen und Krebs
Einen besonderen Stellenwert nahm für Pauling das Vitamin C ein. Er sah darin nicht nur ein Mittel gegen Erkältungskrankheiten, sondern einen zentralen Faktor für die Gesundheit insgesamt. Seine Arbeiten führten dazu, daß Vitamin C in der breiten Öffentlichkeit vor allem als Erkältungsschutz bekannt wurde. Dies greift jedoch deutlich zu kurz. Nach Paulings Auffassung ist Vitamin C an sehr vielen biologischen Prozessen beteiligt und wirkt auf unterschiedlichen Ebenen des Organismus. Die Bedeutung dieses Vitamins reiche weit über die Behandlung einzelner Symptome hinaus.
Neben Vitamin C beschäftigte sich Pauling auch mit dem Zusammenhang zwischen Nährstoffen und psychischen Erkrankungen. In Kooperation mit Ärzten wie Carl C. Pfeiffer und Abram Hoffer untersuchte er, inwieweit bestimmte Vitamine bei psychischen Störungen eine Rolle spielen könnten. Dabei wurde insbesondere die Wirkung von Niacin, Vitamin C sowie weiteren B-Vitaminen diskutiert. Pauling vertrat die Ansicht, daß manche psychiatrischen Erkrankungen nicht ausschließlich als psychologische oder soziale Probleme zu verstehen seien, sondern auch mit biochemischen Ungleichgewichten im Gehirn zusammenhängen könnten.
Besonders weitreichend und umstritten waren seine Überlegungen zur Krebsbehandlung. Pauling hielt es für möglich, daß die Vitamine C, A und E unter bestimmten Umständen einen positiven Einfluß auf den Krankheitsverlauf haben könnten. Er bezog sich dabei unter anderem auf die Arbeiten des schottischen Arztes Ewan Cameron, der schwerkranke Krebspatienten mit hohen Dosen Vitamin C behandelte. Auch wenn viele dieser Ansätze in der Schulmedizin kritisch bewertet wurden, zeigen sie doch, wie konsequent Pauling versuchte, biochemische Faktoren in die Krankheitsbehandlung einzubeziehen. Noch heute behandeln biologisch geprägte Ärzte und naturheilkundliche Kliniken so gut wie jede Krebserkrankung mit zusätzlichen Vitamin-C-Gaben, bei Krebs idealerweise durch (säureneutralisierte) Infusionen im Grammbereich. Die positiven Ergebnisse könne sich hören lassen: Selbst Patienten im Endstadium fühlten sich nach Vitamin-C-Infusionen subjelktiv besser, Bluwerte verbesserten sich und Chemo- oder/ und Immuntherapie werden i.d.R. deutlich besser vertragen.
Ernährung, Lebensführung und biochemische Individualität
Pauling betonte nicht nur die Bedeutung einzelner Vitamine, sondern auch die Rolle einer insgesamt geordneten Lebensführung. Er warnte vor übermäßigem Zuckerkonsum und empfahl eine natürliche, möglichst wenig verarbeitete Ernährung. Besonders kritisch sah er raffinierten Zucker und in Teilen auch Honig. Gleichzeitig hob er hervor, daß Vitamin E für den Organismus eine große Bedeutung habe, insbesondere im Zusammenhang mit Erkrankungen des Gefäßsystems.
Ein weiterer zentraler Gedanke Paulings war die biochemische Individualität. Damit meinte er, daß nicht jeder Mensch dieselben Nährstoffmengen benötigt. Vielmehr müsse die Versorgung mit Vitaminen und anderen Substanzen an die individuelle körperliche Situation angepaßt werden. Pauschale Empfehlungen seien deshalb nur begrenzt sinnvoll. Diese Sichtweise unterscheidet sich deutlich von standardisierten Dosisangaben, wie sie in vielen offiziellen Empfehlungen zu finden sind.
Auch sein eigenes Leben verstand Pauling als Beweis für die Bedeutung seiner Theorie. Er führte seine hohe Lebenserwartung nicht nur auf Vitamine zurück, sondern auch auf einen disziplinierten Lebensstil, den Verzicht auf Rauchen, eine Ernährung mit viel Obst und Gemüse sowie auf seine familiäre Stabilität und seelische Ausgeglichenheit. Für ihn hing körperliche Gesundheit stets auch mit geistiger Ordnung und sozialem Zusammenhalt zusammen.
Q10 und spätere Bewertung seiner Arbeit
Pauling erlebte noch die Entdeckung des Coenzyms Q10 und würdigte es als eine der bedeutenden natürlichen Substanzen, die die Gesundheit fördern können. Auch hier zeigt sich sein typischer wissenschaftlicher Zugriff: Er interessierte sich nicht nur für traditionelle Vitamine, sondern für alle Stoffe, die auf den Stoffwechsel und die Zellgesundheit Einfluß nehmen. Spätere Forschungen zu Q10 bestätigten, daß diese Substanz bei verschiedenen Erkrankungen, etwa bei Herzinsuffizienz, Herzinfarkt oder Bluthochdruck, von Bedeutung sein kann.
Sein Lebenswerk ist daher nicht auf die Popularisierung von Vitamin C zu reduzieren. Vielmehr entwickelte Pauling eine umfassende Sicht auf Gesundheit, die Chemie, Biologie, Ernährung und Lebensweise miteinander verband. Gerade darin liegt die anhaltende Bedeutung seiner Arbeiten. Auch wenn nicht jede seiner Thesen in der Fachwelt unumstritten blieb, hat er entscheidend dazu beigetragen, den Blick auf Vitamine und Mikronährstoffe zu erweitern.
Schlußbetrachtung
Linus Pauling war nicht nur ein herausragender Chemiker, sondern auch ein Forscher, der den Mut hatte, etablierte Vorstellungen zu hinterfragen. Seine Beschäftigung mit Vitaminen, seiner orthomolekularen Theorie und den möglichen Zusammenhängen zwischen Nährstoffen und Krankheiten machte ihn zu einer prägenden Figur der Ernährungs- und Naturheilkunde. Gerade seine Bereitschaft, über die Grenzen der klassischen Fachgebiete hinauszudenken, verleiht seinem Werk bis heute Relevanz.
Für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung bleibt Pauling deshalb interessant, weil er eine Perspektive eröffnet, die Gesundheit nicht als bloßes Fehlen von Krankheit versteht, sondern als Ergebnis eines komplexen biochemischen Gleichgewichts. Auch wenn seine Ansätze kritisch geprüft werden müssen, zeigen sie doch, wie wichtig es ist, Ernährung, Stoffwechsel und Lebensführung in ihrem Zusammenspiel zu betrachten.
Literatur von Linus Pauling zum Thema:
(c) 06-2018, aktualisiert: 05-2026 Ramin Rowghani für Augustinus-Akademie, Berlin

Claudia G. (Sonntag, 16 September 2018 05:29)
Zu meinem Vorgänger: Multitalente haben oft das Problem, dass sie zu wenig von vielem wissen. Prof. Pauling wusste exakt das, von dem er sprach und schrieb. Da können sich die damaligen und heutigen Mediziner und Biochemiker noch so sehr ereifern, zur Vitamin-Therapie Paulings werden sie keine großen Fehler oder überholtes finden. 1 und 1 macht 2. Egal zu welcher Zeit und egal aus welcher Ideologie heraus.
Friedrich Beyer (Freitag, 20 Juli 2018 08:52)
Treffender ging es nicht. Linus Pauling war ein Multitalent.