Gehirn und Streß - Wie Streß das menschliche Gehirn beeinflußt

Ramin Rowghani


Einleitung
Theoretischer Hintergrund
Forschungsfrage
Methodik
Ergebnisse
Diskussion
Fazit
Literaturverzeichnis

  1. Einleitung

Das menschliche Gedächtnis dient nicht nur der Speicherung einzelner Informationen, sondern auch ihrer Verknüpfung mit bereits vorhandenen Erinnerungen. Auf diese Weise entsteht Wissen, das über direkte Wahrnehmungen hinausgeht und flexible Schlußfolgerungen ermöglicht. Solche Schlußfolgerungen werden in der Psychologie als Inferenzen bezeichnet.[uni-hamburg]

Ein alltägliches Beispiel verdeutlicht dies: Wenn eine Person eine Bekannte mit einem blauen Motorroller sieht und später denselben Roller vor der Bibliothek entdeckt, kann das Gehirn beide Beobachtungen miteinander verbinden und annehmen, daß sich die Bekannte in der Bibliothek befindet. Diese Fähigkeit beruht darauf, daß sich überschneidende Informationen im Gedächtnis integriert werden.[uni-hamburg]

Eine 2026 veröffentlichte Studie von Schüren et al. zeigt, daß akuter Streß diese Gedächtnisintegration beeinträchtigen kann. Die Forscher fanden heraus, daß Streß die Reaktivierung bereits gespeicherter Erinnerungen während des Lernens neuer, inhaltlich verbundener Informationen vermindert.[science]

  1. Theoretischer Hintergrund

Der Hippocampus spielt eine zentrale Rolle bei der Bildung episodischer Erinnerungen und bei der Verknüpfung inhaltlich verbundener Informationen. Er unterstützt nicht nur das Speichern einzelner Ereignisse, sondern auch die Integration sich überschneidender Inhalte zu einem zusammenhängenden Wissenssystem.[science]

Frühere Forschung hat gezeigt, daß akuter Streß das Gedächtnis und den Abruf von Informationen beeinflussen kann. Zudem kann Streß die Nutzung verschiedener Gedächtnissysteme verschieben und flexible, vom Hippocampus abhängige Leistungen beeinträchtigen. Die aktuelle Studie baut auf diesen Befunden auf und untersucht speziell, wie Streß die Integration von Ereignissen mit inhaltlichen Überschneidungen verändert.[pubmed.ncbi.nlm.nih]

Entscheidend ist dabei, ob frühere Erinnerungen beim Lernen neuer, verwandter Inhalte erneut aktiviert werden. Wenn diese Reaktivierung abgeschwächt ist, werden Erinnerungen eher getrennt verarbeitet als miteinander verbunden. Genau dieser Mechanismus ist für Lernen und Schlußfolgerungen von großer Bedeutung.[pubmed.ncbi.nlm.nih]

  1. Forschungsfrage

Die zentrale Forschungsfrage der Studie lautet: Beeinträchtigt akuter psychosozialer Streß die Fähigkeit, Erinnerungen mit inhaltlichen Überschneidungen im Gedächtnis zu integrieren und daraus inferentielle Schlußfolgerungen zu ziehen?[pubmed.ncbi.nlm.nih]

Die Arbeit untersucht damit nicht nur, ob Streß das Lernen allgemein verändert, sondern ob er die Verknüpfung von Erinnerungen auf einer tieferen kognitiven Ebene stört. Diese Unterscheidung ist wichtig, um stressbedingte Gedächtnisprobleme genauer zu verstehen.[uni-hamburg]

  1. Methodik

An der Studie nahmen erwachsene Teilnehmer teil, die an zwei aufeinanderfolgenden Tagen ein Lern- und Testverfahren durchliefen. Am ersten Tag sollten sie Bildpaare lernen, die als A+B beschrieben werden können. Am zweiten Tag lernten sie weitere Bildpaare mit einer Überschneidung zum ersten Tag, also B+C. Anschließend wurde geprüft, ob sie die indirekte Verbindung zwischen A und C herstellen konnten.[uni-hamburg]

Zu Beginn des zweiten Tages wurde eine Gruppe akutem psychosozialem Streß ausgesetzt. Dies geschah durch eine simulierte Vorstellungsgesprächssituation und schwierige Rechenaufgaben. Die Kontrollgruppe bearbeitete eine streßfreie Aufgabe.[uni-hamburg]

Zusätzlich wurde funktionelle Magnetresonanztomographie eingesetzt, um die Gehirnaktivität während des Lernens sichtbar zu machen. Im Mittelpunkt stand der Hippocampus, da er für die Gedächtnisintegration besonders wichtig ist.[science]

  1. Ergebnisse

Die Ergebnisse zeigten, daß die gestreßten Teilnehmer die neuen Bildpaare ebenso gut erinnern konnten wie die Kontrollgruppe. Streß führte also nicht zu einem allgemeinen Leistungsabfall beim reinen Lernen.[uni-hamburg]

Auffällig war jedoch, daß bei den gestreßten Teilnehmern jene Hirnareale, die mit dem ersten Bildpaar verbunden waren, während des Lernens des zweiten Bildpaares schwächer reaktiviert wurden. Dadurch war die Integration der Informationen beeinträchtigt.[pubmed.ncbi.nlm.nih]

Die Folge war, daß die gestreßte Gruppe die indirekte Verbindung von A zu C teilweise schlechter herstellen konnte. Damit zeigt die Studie, daß akuter Streß nicht primär das Speichern neuer Informationen stört, sondern vor allem deren Verknüpfung mit bereits bekanntem Wissen.[pubmed.ncbi.nlm.nih]

Die Forscher fassen dies als Beeinträchtigung eines zentralen Mechanismus der Gedächtnisintegration auf.[science]

  1. Diskussion

Die Ergebnisse sind für mehrere Bereiche bedeutsam. Erstens erklären sie, warum Menschen unter Streß zwar Informationen aufnehmen, aber Zusammenhänge schlechter erkennen können. Der Hippocampus scheint dabei eine Schlüsselrolle zu spielen.[science]

Zweitens sind die Befunde für den Bildungsbereich relevant. Wenn Informationen unter Streß nicht ausreichend miteinander verknüpft werden, kann langfristiges Lernen erschwert werden. Wissen bleibt dann isoliert, statt in ein flexibles Gedächtnisnetz eingebunden zu sein.[uni-hamburg]

Drittens haben die Ergebnisse auch Bedeutung für den klinischen und forensischen Bereich. In der Pressemitteilung wird darauf hingewiesen, daß gestörte Gedächtnisintegration im Rechtskontext zu falschen Schlußfolgerungen oder ungerechtfertigten Anschuldigungen führen kann. Außerdem werden mögliche Bezüge zu Psychosen und Angststörungen genannt.[uni-hamburg]

Im Vergleich zu älteren Arbeiten ist neu, daß die aktuelle Studie sehr gezielt zeigt, wie Streß die Reaktivierung früherer Inhalte während des Lernens neuer Inhalte mit Überschneidungen verändert. Dadurch wird deutlich, daß Streß nicht nur die allgemeine Leistungsfähigkeit mindert, sondern die Struktur der Gedächtnisverarbeitung selbst beeinflußt.[pubmed.ncbi.nlm.nih]

  1. Fazit

Die Studie von Schüren et al. zeigt, daß akuter Streß die Fähigkeit des Menschen beeinträchtigt, inhaltlich zusammenhängende Erinnerungen miteinander zu verknüpfen, und daß dadurch die Bildung von Schlußfolgerungen erheblich erschwert wird. Besonders betroffen ist die Reaktivierung bereits bekannter Informationen im Hippocampus, wenn neue, verwandte Inhalte aufgenommen werden. Das bedeutet, daß das Gehirn zwar neue Informationen speichern kann, diese jedoch nicht mehr in gleicher Weise mit vorhandenem Wissen verbindet.

Dies läßt sich an verschiedenen alltäglichen Beispielen verdeutlichen. Ein Student etwa, der unter starkem Prüfungsstreß steht, kann einzelne Fakten auswendig lernen, hat jedoch Schwierigkeiten, diese in größere Zusammenhänge einzuordnen oder logisch miteinander zu verbinden. So erinnert er sich möglicherweise an einzelne historische Daten, ist aber nicht mehr in der Lage, Ursachen und Folgen sinnvoll zu verknüpfen. Ebenso kann ein Autofahrer in einer Streßsituation zwar Verkehrszeichen wahrnehmen, jedoch Schwierigkeiten haben, diese mit der aktuellen Verkehrslage zu kombinieren und daraus angemessene Entscheidungen abzuleiten.

Ein weiteres Beispiel findet sich im sozialen Bereich: Wenn eine Person unter Streß steht, kann sie zwar einzelne Aussagen ihres Gegenübers erinnern, doch fällt es ihr schwer, diese mit früheren Gesprächen oder bekannten Informationen über diese Person in Beziehung zu setzen. Dadurch entstehen leichter Mißverständnisse oder falsche Schlußfolgerungen über Absichten und Zusammenhänge. Ähnliches gilt für das Lernen neuer Inhalte im Berufsleben, etwa wenn ein Mitarbeiter unter Zeitdruck neue Arbeitsabläufe erlernt, diese jedoch nicht sinnvoll mit bereits bekannten Prozessen verknüpfen kann.

Damit wird deutlich, daß Streß nicht nur die Leistungsfähigkeit im allgemeinen Sinne beeinträchtigt, sondern tief in die grundlegenden Prozesse des Gedächtnisses eingreift. Er verhindert insbesondere, daß Wissen zu einem zusammenhängenden Netz verbunden wird, und führt stattdessen dazu, daß Informationen isoliert nebeneinander stehen bleiben. Für Schule und Studium bedeutet dies, daß Lernen unter starkem Druck zwar kurzfristig möglich ist, aber oft nicht zu einem dauerhaften und verständnisorientierten Wissen führt. Auch in der klinischen Diagnostik spielt dieser Umstand eine Rolle, da Patienten unter Streß Symptome oder Erlebnisse weniger kohärent schildern können.

 

Nicht zuletzt hat dies auch Bedeutung für juristische Kontexte. Ein Zeuge etwa, der unter erheblichem Streß steht, kann einzelne Beobachtungen korrekt erinnern, ist jedoch möglicherweise nicht in der Lage, diese zuverlässig miteinander zu verknüpfen. Dies kann zu fehlerhaften Schlußfolgerungen oder widersprüchlichen Aussagen führen. Insgesamt zeigt sich somit, daß das Verständnis der Wirkung von Streß auf das Gedächtnis entscheidend ist, um die Grenzen menschlicher Informationsverarbeitung unter Belastung richtig einschätzen zu können.

 

  1. Literatur

Schüren, K. A. et al. (2026). Stress disrupts hippocampal integration of overlapping events and memory inference in humans. Science Advances, 12(21), eaea5496. DOI: 10.1126/sciadv.aea5496[pubmed.ncbi.nlm.nih]

Universität Hamburg (2026). Eingeschränkte Schlußfolgerungen: Wie Streß unser Gehirn beeinflußt. Pressemitteilung[uni-hamburg]

Schwabe, L. et al. (2013). Stress and the engagement of multiple memory systems. Hippocampus, 23(11), 1035–1043[pubmed.ncbi.nlm.nih]

 

 

(c) 06-2026 Ramin Rowghani für Augustinus-Akademie

 


 

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Felix qui potuit rerum cognoscere causas  

 

 

Gemäß dem Vergilschen Motto bietet die Augustinus-Akademie ein Studienforum zur geistigen Neuorientierung, Vertiefung eigener Schwerpunkte und Erweiterung und Ergänzung vorhandener (Er-)Kenntnisse.  Viele Gelehrte sind angefüllt mit einer selbst erarbeiteten Wissenschaft, oft erweisen sie sich aber als ungeeignet, durch ihr Wissen einen besonderen Eindruck auf die Mitmenschen zu machen, also ihr Wissen adäquat weiterzugeben. Selbst Kult-Wissenschaftler Albert Einstein gehörte zu solchen. Als lehrender Professor an  der Vorgängeruni der Humboldt-Universität versagte er komplett. Es gibt nicht wenige Gelehrte, die ihr geistiges Werk für sich behalten oder es nur im kleinen Kreis präsentieren, sie gelten als "Privatgelehrte". Andere drängt es zur Arbeit am Schreibtisch und späteren Publikationen, von denen sich hier durch kleine oder größere wissenschaftliche Aufsätze einige wiederfinden. Im wissenschaftlichen Austausch kann es es anstehen, die Rede- und Lehrkunst zu erlernen. Vom stillen Leser und Lerner entwickelt man sich zum sozial denkenden Wissenschaftler, der in der Studiengruppe seine Position hat, Wissen weitergibt und annimmt. 

 

Ästhetik-Professor Bazon Brock findet eine ganz eigene Definition von "Akademie":

 

"Die Akademie ist der Versuch, eine Gemeinschaft zu bilden, die dem Academus entspricht, eine Akademie ist ein Zusammenschluß von Menschen, die sich in anstrengenden Zeiten, vornehmlich in Zeiten des Analphabetismus und der allgemeinen Zerstreuung durch kriegerische oder sonstige evolutionäre Prozesse wechselseitig garantieren, daß das, was sie tun, sinnvoll ist. Wir schreiben, wir malen, wir musizieren, wir komponieren und spielen Theater.

 

D.h. eine Akademie wäre ein Zusammenschluß von Menschen, die sich als Schreiber garantieren, daß das Schreiben einen Sinn hat, weil es Leute gibt, die es lesen: nämlich alle anderen Mitglieder der akademischen Gemeinschaft, denn das ist sehr sinnvoll, wenn wir zur Gemeinschaft des akademischen Typs gehören; dann übernehmen wir die Verantwortung dafür, daß Schreiben, Musizieren, Malen sinnvoll von den Malern, Schreibern, Komponisten betrieben werden kann, weil es Leute gibt, die lesen, betrachten, die zuhören und zwar wirklich auf der Ebene der Gleichwertigkeit  des Rezipienten zum Produzenten.

 

 Das hat eine sehr mäßigende und erzieherische Maßnahme, nämlich wenn wir 100 Akademiker in einer  Gemeinschaft hätten, dann könnte jeder Schreiber, um eine Seite zu publizieren nur die Möglichkeit, gelesen zu werden, einklagen, indem er 99 Seiten seiner Kollegen liest.

 

Es ist nur derjenige "Maler", der würdigt, was andere gemalt haben, sonst ist es sinnlos, Maler zu sein. Also sind Akademien heute dringender als je zuvor, Zusammenschlüsse von Leuten, die die Sinnhaftigkeit ihres eigenen Tuns in aller gutsinnigsten Weise begründet haben möchten: diejenige Vergesellschaftung, in der man sich gegenseitig Sinnhaftigkeit garantiert."

 

                     Prof. Dr. Bazon Brock: Kunst als unabdingbare Kritik an der Wahrheit, Vortrag vom 29. Januar 2014

                                                                                                  Bazon Brock ist Rektor der DENKEREI in Berlin SO36